Einbeck (zir). Der Osterempfang im Gemeindehaus am Stiftplatz hat zahlreiche Besucherinnen und Besucher zusammengeführt und bot eine Mischung aus Musik, persönlichen Einblicken und gesellschaftspolitischen Impulsen. Eingeladen hatten die Kirchengemeinde Einbeck, die St. Alexandri Stiftung sowie die Diakoniestiftung Nächstenliebe. Die Veranstaltung fand 9. April ab 18 Uhr im Gemeindehaus am „Stiftplatz 9“ statt.
Durch den Abend führte der Vorsitzende des Kirchenvorstands der evangelisch-lutherischen Gemeinde Einbeck, Thomas Borchers, der mit humorvoller Moderation für eine angenehme und aufgelockerte Atmosphäre sorgte. Musikalisch eröffnet wurde der Empfang von Adriana und Colin de Paduanis, die mit dem Stück „Nur kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko einen stimmungsvollen Einstieg gestalteten.
Im Anschluss sorgte ein unterhaltsames Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Borchers und Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek für persönliche Einblicke und lockerte zugleich den Abend auf. Auf die Frage, was ihr zum Thema „Heimat“ einfalle, erklärte Michalek, sie sei in Bayern geboren, habe sich jedoch schnell in Einbeck heimisch gefühlt. Ihren Kindheitswunsch beschrieb sie mit einem Augenzwinkern: Sie habe Astronautin werden und zum Mond fliegen wollen. Auf die Frage, welchen beruflichen Weg sie heute mit 18 Jahren einschlagen würde, antwortete sie, sie würde erneut Landwirtschaft studieren.
Impulsvortrag über Engagement und Verantwortung
Im Mittelpunkt des Abends stand der Impulsvortrag der Bürgermeisterin unter dem Titel „Mitgestalten statt abwarten! – Warum sich gesellschaftliches Engagement (auch für mich) lohnt“. Darin schilderte Michalek eindrücklich ihre Erfahrungen aus über einem Jahrzehnt kommunalpolitischer Arbeit. Sie berichtete, dass sie sich regelmäßig die Frage stelle, ob Entscheidungen und Entwicklungen noch auf dem richtigen Weg seien.
Ein zentrales Thema ihres Vortrags war die zunehmende Zurückhaltung vieler Menschen, ihre Meinung offen zu äußern. Insbesondere seit der Corona-Zeit nehme sie wahr, dass Unsicherheiten gewachsen seien. Sie verwies auf Studien, wonach sich etwa die Hälfte der Befragten nicht traue, ihre Meinung frei zu äußern, da sie negative Reaktionen wie Verurteilung oder Ausgrenzung befürchteten.
Auch das Ehrenamt nahm breiten Raum in ihren Ausführungen ein. Laut Freiwilligen-Survey engagierten sich rund 27 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich, wenngleich ein leichter Rückgang zu beobachten sei. Für Michalek bildet dieses Engagement eine tragende Säule der Gesellschaft. Ereignisse wie das Weihnachtshochwasser 2023 hätten eindrucksvoll gezeigt, welche Bedeutung freiwilliger Einsatz für den gesellschaftlichen Zusammenhalt habe.
Herausforderungen für das Ehrenamt
Gleichzeitig machte die Bürgermeisterin auf konkrete Herausforderungen aufmerksam. So stehe etwa die Feuerwehr in Volksen vor der Auflösung, und auch in Vereinen müssten Angebote reduziert werden, da es an Übungsleitern fehle. Ursachen seien unter anderem ein zunehmender Zeitmangel, steigende bürokratische Anforderungen sowie eine veränderte Freizeitgestaltung. Familie, Beruf und persönliche Interessen stünden immer häufiger in Konkurrenz zum Ehrenamt.
Zudem beobachte sie, dass viele Menschen eher kurzfristige und flexible Engagementformen bevorzugten. Wenn ehrenamtliche Arbeit als selbstverständlich angesehen werde, sinke zudem die Motivation, sich langfristig einzubringen. Auch die angespannte finanzielle Lage vieler Kommunen erschwere die Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement.
Michalek betonte jedoch auch die positiven Aspekte: Ehrenamt ermögliche es, das unmittelbare Umfeld aktiv mitzugestalten. Es stärke soziale Kontakte, fördere persönliche Kompetenzen und vermittle das Gefühl, etwas Sinnvolles erreicht zu haben. Gleichzeitig sei es ein wesentlicher Baustein für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Demokratie, Meinungsvielfalt und gesellschaftlicher Dialog
In ihrem Vortrag schlug Michalek auch den Bogen zur aktuellen gesellschaftlichen und politischen Lage. Sie warnte davor, dass ein Rückgang von Engagement und Meinungsvielfalt langfristig die Demokratie schwächen könne. Wenn Menschen ihre Stimme nicht mehr einbrächten, verliere die Gesellschaft an Substanz.
Besonders kritisch äußerte sie sich zur Entwicklung in sozialen Medien. Dort entstehe häufig ein stark vereinfachtes Meinungsbild, und abweichende Positionen würden teils scharf angegriffen. Umso wichtiger seien reale Begegnungsorte für Austausch und Diskussion – etwa das Rathaus, Bibliotheken oder auch neue Projekte wie der Pavillon auf dem Neustädter Kirchplatz.
Musikalisch wurde der Abend mit dem Stück „Lichterketten“ von Sasha weitergeführt. Im anschließenden Austausch nutzten die Gäste die Gelegenheit, Fragen zu stellen und eigene Beobachtungen einzubringen. Dabei ging es unter anderem um die Situation von Ehrenamt und Meinungsfreiheit in Einbeck sowie um Entwicklungen im schulischen Umfeld. Eine Lehrerin schilderte beispielsweise, dass zunehmend Schülerinnen und Schüler politische Unsicherheiten zeigten und mit Sorge auf globale Entwicklungen blickten.
Zum Abschluss würdigte Thomas Borchers die langjährige Zusammenarbeit mit Dr. Sabine Michalek und dankte ihr für 25 Jahre gemeinsames Wirken.
Der Abend klang schließlich in geselliger Atmosphäre bei Gesprächen aus. Für die Verpflegung sorgte die Gruppe „Leib & Seele“ der Kirchengemeinde Einbeck mit Getränken und einem kleinen Imbiss, sodass der Osterempfang bei gemütlicher Runde und einem Buffet harmonisch abgeschlossen wurde.
Fotos: zir