Amelsen (gs). Wer am Pfingstsonntagmorgen in Amelsen den Dorfplatz ansteuerte, rieb sich zunächst verwundert die Augen – um anschließend schmunzelnd festzustellen: Die Tradition lebt. In der Nacht von Pfingstsamstag auf Pfingstsonntag war im Ort erneut die traditionelle „Bosheitsnacht“ angebrochen. Das sogenannte Pfingstklauen hat in Amelsen seit vielen Jahren feste Tradition und wird verlässlich von Generation zu Generation weitergegeben.
Dorfplatz wird zum Fundbüro
Auch in diesem Jahr zog die Dorfjugend bei Einbruch der Dunkelheit los, um alles einzusammeln, was in Höfen und Vorgärten nicht niet- und nagelfest war. Der Brauch gilt als augenzwinkernder „Ordnungsruf“ an die Dorfbewohner, ihre Habseligkeiten über die Feiertage wetter- und diebstahlsicher zu verstauen. Wer das vergaß, fand sein Eigentum am nächsten Morgen kunstvoll auf dem zentralen Dorfplatz wieder.
Die nächtlichen Akteure bewiesen dabei nicht nur Ausdauer, sondern auch logistisches und statisches Geschick. Das unumstrittene Highlight auf dem Platz vor der Tapir-Scheune war eine dreistöckige Mülltonnen-Pyramide. Die oberste Tonne balancierte standsicher und kopfüber auf den Rädern der darunterliegenden Konstruktion.
Riesentrampolin sorgt für Staunen
Direkt daneben zeigten sich die Ausmaße der nächtlichen Schlepperei, denn selbst ein komplettes Riesentrampolin wurde unbemerkt auf den Pflastersteinen platziert. Die bunte Palette der „Beute“ reichte von Gartenstühlen, Harken und einem pinken Kinder-Laufrad über eine Schubkarre mitsamt ausrangiertem Fernseher bis hin zu liebevoll dekorierten Details.
Auf einer Mülltonne wurde eine Bratpfanne samt Solarleuchten drapiert, während ein Spielzeug-Laster auf einem Plastikstuhl von einem rostigen Deko-Schild mit der Aufschrift „Home“ gekrönt wurde – eine herrliche Ironie des Schicksals.
Brauch verbindet die Dorfgemeinschaft
Was in einer Großstadt vermutlich für Polizeieinsätze gesorgt hätte, gehört in Amelsen fest zum Dorfleben dazu. Da beim Pfingstklauen streng darauf geachtet wird, dass nichts beschädigt wird, nehmen die meisten Eigentümer die Aktion mit Humor.
Das Pfingstwochenende begann für viele Amelsener daher mit einem morgendlichen Spaziergang zum Dorfplatz, der kurzerhand zum humorvollen Fundbüro umfunktioniert wurde. Bei bestem Feiertagswetter wurden Mülltonnen, Gießkannen und Gartengeräte wieder abgeholt und an ihren Ursprungsort zurückgebracht – natürlich nicht ohne einen Plausch mit den Nachbarn und das gemeinsame Rätseln darüber, wer in dieser Nacht wohl die Muskelkraft für das schwere Trampolin aufgebracht hatte.
Ein Brauch, der zeigt: In Amelsen hält man zusammen – und räumt gemeinsam wieder auf.






Fotox: Gerd Stahnke